Peter Holzer: Mut braucht eine Stimme

Bei allem Rauschen und Gebrüll um uns herum, gibt es nur eine Stimme, die wirklich wichtig ist: unsere eigene. Sie weiß, wo wir hinwollen und was unser Horizont ist. Sie ist ein sicherer Lebenskompass, navigiert uns durch raue See und entlang gefährlicher Riffe. Im Sturm des Alltags verlieren wir die innere Stimme aber allzu oft aus den Augen. Und wer nicht weiß, wofür er steht, steht für gar nichts und schließt sich reflexartig der Meinung der Mehrheit an. Peter Holzer musste das am eigenen Leib erfahren und berichtet in Mut braucht eine Stimme von seinem Weg zurück zu sich selbst. Lesen Sie im Folgenden einen Auszug. 

Die innere Stimme

Unterwegs

Sie fahren mit dem Auto in den Urlaub. Das Endziel haben Sie in Ihr Navi einprogrammiert. Unterwegs müssen Sie aber erst noch den Hund in der Hundepension abliefern, später eine Tankstelle ansteuern und dann noch einen kleinen Umweg zu dem schönen Hotel machen, das Ihnen Ihre Freunde als Zwischenhalt für heute Nacht empfohlen haben. Ach ja, und morgen fahren Sie einen Umweg über die Landstraße, weil die Autobahn mal wieder völlig zu ist. Kein Problem, Ihr Navi macht das alles mit und verliert das Endziel nicht aus den Augen. Es behält immer die grundsätzliche Richtung. Und trotz aller Umwege führt es Sie immer ans Ziel.

Seit es den Menschen gibt, ist er unterwegs. Er ist als Nomade durch die Zeitalter geschritten. Immer in Bewegung. Unterwegs sein, das ist unser Programm. Es gab eine kleine Zwischenphase, in der wir sesshaft wurden. Aber das ist im Grunde schon wieder vorbei. Wir wohnen zwar immer noch in Häusern, doch unsere Ideen, Projekte, Gesellschaftsmodelle, auch unsere Träume, Ängste und Hoffnungen sind heute global ausgerichtet. Stellen Sie sich vor, die fünf Millionen Jahre Menschheitsgeschichte in eine Zeitstunde zu komprimieren. Zu welchem Anteil waren wir sesshaft, zu welchem unterwegs? Nun, wir waren 8 Sekunden sesshaft. Und 59 Minuten, 52 Sekunden unterwegs. Unterwegssein und Veränderungen liegen uns also in den Genen. Wir sind immer noch Nomaden, moderne Nomaden. Immer auf der Jagd und manchmal auf der Flucht, hungrig oder durstig, dem Lauf der Sonne oder dem Weg eines Wassers folgend. Auf dem Weg sein, das ist unser Element, da können wir uns noch so sehr am Eigenheim, am Bürostuhl oder an der Sofakante festkrallen, es hilft nichts!

Auch Sie sind unterwegs! Ständig! Es geht ab in den Urlaub oder zur Arbeit oder nach Hause, zum Discounter oder zum Weinhändler, zur Familie oder zur Geliebten, zum Kunden oder zum Chef. Manche bewegen sich nur innerhalb ihrer Stadt, andere im ganzen Land und einige reisen permanent um den ganzen Globus. Klar, das nächste Etappenziel haben Sie immer im Blick. Und dann? Wohin führt Ihr Weg dann? Wer oder was zeigt Ihnen die Richtung?

Dafür ist Ihr Navi da.

Auch für das Leben haben wir ein Navi – und zwar jeder von uns. Das Navi, das ich meine, ist: Ihre innere Stimme!

Sie spricht permanent zu uns und sagt uns, wo es langgeht. Das Problem ist nur: Viele Menschen ignorieren die Stimme konsequent und taumeln ihr Leben lang orientierungslos umher. Dabei haben auch sie eine innere Stimme, die genau weiß, wohin es gehen soll, und die es auch sagt. Doch oft findet die innere Stimme kein Gehör. Dabei kennt sie den Weg zu dem, was Sie im Leben erreichen können und wollen, wonach es sich auszurichten lohnt. Ich nenne das den Horizont.

Es ist Ihr ganz persönlicher Horizont, der Ihnen die Richtung vorgibt. Nur wenn Sie ihm folgen, können Sie alle Ihre Kräfte optimal entfalten. Der Horizont lockt Sie an. Er definiert Ihre persönliche Vorstellung von Erfolg, hilft Ihnen, Spuren auf der Welt zu hinterlassen und etwas zu bewirken: für Sie selbst, für andere Menschen, für diese Welt. Sie können diese Welt besser machen, wenn Sie Ihren Weg so wählen, dass Sie auf Ihren Horizont zusteuern!

Die Welt ist jedoch voll von Menschen, die das nicht tun, sondern sich stattdessen in einer lauten Welt voller Verlockungen und fremder Horizonte verlieren. Sie taumeln fremdbestimmt und orientierungslos durchs Leben. Konstruieren sich Ersatzhorizonte, die mit ihnen selbst gar nichts zu tun haben. Sie verwechseln den Horizont ihrer Firma mit ihrem eigenen – oder den einer Partei oder eines Fußballvereins oder den ihrer Kollegen, Nachbarn oder ihres Ehepartners. Und das prägt diese Welt leider!

Denk dich aus!

Konsequent

Alles steht still. Vorher konnte ich nie aufhören zu arbeiten. Jetzt muss ich. Die Welt bricht zwar nicht zusammen. Aber emotional fühlt sich diese Ruhe an wie eine Ruhe vor dem Sturm. Ich brauche einen Ort der Besinnung. Tilo, ein Freund aus meinen Zeiten im wilden Internetbusiness der 90er-Jahre, lebt auf einem alten, umgebauten Bauernhof – dort kann ich bleiben bis zum Beginn der Radiojodtherapie, die der OP folgen soll. Tilo beobachtet mich einige Tage lang. Eines Morgens sagt er: »Komm mit in mein Lesezimmer. Da kannst du dich hinsetzen, aus dem Fenster schauen und dich ausdenken.« Ausdenken – cool, mal ganz was anderes. Ich sitze im Sessel, schaue aus dem Fenster. Nicht mal eine Stunde ist vergangen und mir wird langweilig. Ich hole mir also meinen Laptop und fange an, ein bisschen zu arbeiten. Das bekommt er mit. Plötzlich steht er vor mir und sagt mit kalter Stimme: »Pass mal auf: Das ist mein Haus. Entweder du machst hier, was ich dir sage, oder du gehst. Und ich sage dir: Du setzt dich jetzt hier hin und denkst dich aus. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Bis du dich ausgedacht hast und nichts mehr denkst. Wenn du wieder arbeiten willst, dann geh!« Er wendet sich zum Gehen, dreht sich aber noch einmal kurz um: »Verstanden?«

Heute weiß ich: Er hatte recht. Ich wollte mich schon wieder ablenken. Bloß keinen Raum lassen für das gefährliche Unbekannte: meine eigene innere Stimme. Doch das ist es, was die innere Stimme braucht, um gehört zu werden: Ruhe. Keine Ablenkung. Das eigene pausenlose Kopfgequassel verklingen lassen. Und schauen, was danach passiert. Denn die innere Stimme spricht leise mit uns.

Damals war mein erster Impuls, Tilo Kontra zu geben. Was fällt dem ein, so mit mir zu reden? Doch glücklicherweise hielt ich die Klappe, gab nach und dachte mich aus. Und dann – erst zaghaft, dann immer deutlicher – zeigte sie sich: meine innere Stimme!

Sie skizzierte ein diffuses Bild. Stellte wirre Fragen. Meldete Unzufriedenheit. Bezweifelte den Sinn meines Weges. Irgendwie klang es danach, als würde sie eine Sackgasse beschreiben und flehen: »Hör auf damit!«

Doch als nach der OP klar war, dass mir meine körperliche Stimme erhalten geblieben war, verschwand die Aufmerksamkeit, und ich überhörte meine innere Stimme erneut – trotz der Schockstarre, in die ich zuvor geraten war.

Ich arbeitete weiter, als wäre nichts geschehen. Ich wusste längst, dass Arnds Tod und meine Krankheit eine Botschaft für mich hatten, die ich noch nicht entschlüsselt hatte. Ich wusste es, aber ich fühlte noch nicht, was das bedeutete. Stattdessen krallte ich mich blind an vermeintlich sichere und stabile Säulen wie Geld und Erfolg. Drogen, die mich erneut berauschten.

Trotz allem war ein Prozess in Gang gesetzt worden: Ich entfremdete mich immer mehr meiner Firma, ich machte zunächst wie eine Marionette weiter, war aber immer weniger wirklich anwesend.

Der Autor

Peter Holzer lebt als Berater und Vortragsredner mit seiner Familie in Köln. Nach seinem BWL-Studium in Oestrich-Winkel (D), Auckland (Neuseeland) und Chicago (USA) arbeitete er zunächst in einigen Start-ups in Deutschland und den USA. Danach baute er als Geschäftsführer einen Mittelstandsfond auf. Doch ein plötzlich auftauchender Schilddrüsentumor bedrohte sein Leben und seine Stimme. Diese Erfahrung war ein Wendepunkt in seinem Leben: Er verließ die Finanzbranche, um einen beruflichen Neustart zu wagen.
Seit 2009 berät er Vorstände und Führungskräfte in strategischen Fragen und hilft ihnen dabei, Veränderungen erfolgreich umzusetzen. Denn aus seiner Sicht mangelt es der Welt nicht an Ideen, sondern an deren Umsetzung. Zu seinen Kunden zählen DAX-Konzerne und ambitionierte Familienunternehmen. Neben seiner Tätigkeit als Berater und Vortragsredner ist er als Dozent an der Business School des St. Gallen Management Instituts (SGMI) aktiv.
Mit der gleichen direkten und zupackenden Art, wie er seine Klienten aus den Unternehmen unterstützt, will er seinen Lesern helfen bei dem, was er als sein Herzensanliegen bezeichnet: seiner inneren Stimme zu folgen und diese nach außen hörbar und wirksam zu machen.
Peter Holzer erhebt seine Stimme zugunsten eines aufrechten, ehrlichen und selbstbestimmten Lebensweges, der jedem offensteht – zum Wohle des Einzelnen genauso wie zum Wohle der Gesellschaft.