Grundsätze des Visualisierens

von Brigitte Seibold (Flipcharts gestalten)

Sind Sie während einer Präsentation schon mal vor der Aufgabe zurückgeschreckt, eine ansprechende Skizze aufs Flipchart zu bringen? Das muss nicht sein! Jeder kann Flipcharts kreativ gestalten, sagt Brigitte Seibold. Unseren Newsletter-Lesern verrät sie die Bausteine zum Visualisieren.

Reduzieren

Das Kernelement der Visualisierung ist die Reduktion. Filtern Sie also aus; weniger ist mehr. Lassen Sie diese Frage wie ein Mantra immer mitlaufen: Was ist wesentlich? Was ist wirklich wichtig? Visualisierungen sind meist dann wirkungsvoll, wenn sie nicht überfrachtet sind, sowohl inhaltlich als auch in der Gestaltungsart. Das bedeutet oftmals, auf Details zu verzichten oder sich von der ein oder anderen „Lieblingsidee“ zu verabschieden.

Erst der Inhalt, dann die Form

Bevor Sie sich mit den gestalterischen Elementen wie Illustrationen oder Farben beschäftigen, brauchen Sie ein klares inhaltliches Konzept für Ihre Visualisierung. Was ist das Thema? Was ist die Kernbotschaft? Welche Aspekte gehören dazu? Was ist die Struktur des Themas? Der erste Schritt ist also immer, erst einmal die Information zu durchdringen, zu reduzieren und zu strukturieren, dann erst geht es darum, eine passende Form zu finden.

Eine Symbol-Sprache entwickeln

Visualisierungen haben nicht den Anspruch, die Realität 1:1 abzubilden. Es geht vielmehr darum, eine gemeinsame Symbol-Sprache zu entwickeln. Das bedeutet, „Sinn-Bilder“ zu nutzen, die die Kommunikation erleichtern, erweitern, ergänzen. Das Ziel von Visualisierungen nach meinem Verständnis ist also nicht, „Kunst zu präsentieren“, sondern mit Unterstützung von Bildern den Dialog zu erleichtern, Verständigung zu erzeugen, die Lösungsfindung zu beschleunigen und Beteiligung zu aktivieren.

Zeichnen, nicht zögern

Zagen, zaudern und zögern – und vor allem zu viel nachdenken, das ist Gift fürs Visualisieren. Fangen Sie einfach an. Am besten jetzt. Mit den Stiften und dem Papier, mit dem Material, das Sie gerade dahaben. Erobern Sie sich ein Stück Unbedarftheit, Neugier, Unvoreingenommenheit, Sinnlichkeit, Experimentierfreude und Selbstbewusstsein zurück, wenn es darum geht, sich auch über Bilder auszudrücken und zu kommunizieren.

Perfekt unperfekt sein

Visualisieren braucht eine gehörige Portion „Fehlerfreundlichkeit“. Akzeptieren Sie die kleinen Unregelmäßigkeiten, Unkenntlichkeiten, Ungenauigkeiten und „Verzeichner“. Verzichten Sie auf Perfektionsstreben. Das ist sicher leichter gesagt als getan! Aber vielleicht entdecken Sie ja dabei, wie besonders etwas Handgemachtes ist. Womöglich liegt gerade darin die Wirkung dieser Art der Bildsprache?

Es darf sich leicht anfühlen

Halten Sie beim Visualisieren immer Ausschau nach dem leichtgängigsten Weg: Wie geht es einfach? Was kann ich schnell und unkompliziert zeichnen? Was ist für mich eine leichte Form der Umsetzung? Kein Verkünsteln, kein übermäßiges Anstrengen und braves Bemühtsein! Die Leichtigkeit, mit der Sie vorgehen, wird Sie beflügeln, und das wird sich auch über Ihre Bilder transportieren.

Sich selbst wertschätzen

Weisen Sie Ihre inneren Kritiker in die Schranken. Jeder Mensch kann zeichnen. Und jeder Mensch tut dies auf seine einzigartige, ganz individuelle Art. Diese Qualität gilt es zu entdecken und anzuerkennen. Oft geht es dabei auch darum, einen neuen, wertschätzenden Blick auf die eigenen Bilder zu entwickeln. Anregungen nutzen – einen eigenen Stil entwickeln. (…) Um in die Techniken hineinzufinden und Ihren Einstieg in die Visualisierungs-Praxis zu erleichtern, können Sie erst einmal Vorlagen einfach nachzeichnen. Warum auch nicht? Ich verstehe meine Ideensammlung als einen Schubs, damit Sie im Prozess der Umsetzung und des Übens Ihren Ausdruck kennenlernen können. Mit der Zeit entwickelt sich Ihr individueller Stil dabei wie von selbst. Machen Sie sich also auf die Suche nach Ihrer Bildsprache!

Immer und überall „kritzeln“

Nutzen Sie die kleinen Übungsgelegenheiten, die sich von selbst ergeben. Sie sitzen zum Beispiel in einem Vortrag oder in einer Besprechung. Kritzeln Sie, erstellen Sie Ihre eigenen visuellen Protokolle. Experimentieren Sie mit einfachen Skizzen in einem Rahmen, in dem Sie sich sicher fühlen. Zeigen Sie sich mit Ihren Ideen-Skizzen. Nehmen Sie die Wirkung Ihrer Bilder wahr.

Die Gestaltungskraft von Wort- und Bildsprache nutzen

Visualisierungen sind kein Wundermittel. Sie sind nützliche Helfer in Kommunikationsprozessen. Das Ziel ist nicht, plötzlich alles nur noch über Bilder auszudrücken. Manchmal gilt der Satz „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Manchmal braucht es aber eben auch oder vor allem die Sprache. Und oft hat die Kombination aus beidem die größte Wirkung.

Mehr zu der Frage, wie Sie aussagekräftige Visualisierungen für die verschiedensten Meeting-Situationen erstellen, erfahren Sie in Flipcharts gestalten. Und wer ganz gemäß des Themas lieber audiovisuell lernt, für den hat Brigitte Seibold in praxisnahen Videos die wichtigsten Fakten rund um Bildsprache und schnelle, einfache Skizzierungen zusammengestellt.

Die Autorin

Brigitte Seibold (Johannesberg), Dipl.-Ing., ist seit 1998 selbstständige Moderatorin, Trainerin, Beraterin sowie Lehrbeauftragte der Uni Hannover. Als „Visual facilitator“ ist sie darauf spezialisiert, das Potenzial von Visualisierung in der Arbeit mit Menschen und Organisationen zu nutzen. Sie begleitet Strategieprozesse in Unternehmen und Kommunen. Zu ihren Kunden zählen: Deutsche Telekom AG, RWE AG, Stadtwerke Hannover, Robert Bosch GmbH, Bundesministerium für Finanzen, MAN Truck & Bus AG, Volkswagen AG.