Think bunt!

Von Patricia Küll (Ab heute singe ich unter der Dusche)

Der Wecker klingelt. Sechs Uhr zwanzig. Ich habe noch fünf Minuten. Fünf Minuten, die mir gehören. Fünf Minuten, die wichtig für mich sind, um gut in den Tag starten zu können. Wie beginnen Sie Ihren Tag? Springen Sie mit dem Weckerklingeln aus dem Bett, um sich sofort und ohne Umwege ins Hamsterrad des Alltags zu begeben? Wenn Sie wirklich etwas für mehr Lebensfreude tun wollen, dann fangen Sie doch gleich morgens damit an. Dafür brauchen Sie nur wenige Minuten, aber Sie kommen gleich mit einem ganz anderen Gefühl in den Tag. (...)

Noch bevor ich aufstehe, hole ich mir beim Einatmen ganz viel orange- oder rosa-farbene Luft in meinen Körper. Manchmal stelle ich mir auch gelbe Luft vor. Sonnengelbe. Je nachdem, was ich gerade brauche. Denn in mir drin, in meinem Körper und in meinem Kopf, ist alles ganz bunt. Regenbogenbunt. So kann es draußen vor dem Fenster meines Schlafzimmers regnen oder stürmen, in mir drin ist alles hell und freundlich. (...)

Ich kenne alle Schattierungen von grau

Es gab Tage und Wochen in meinem Leben, da gab es in meinem Kopf vor allem eine Farbe: Grau. Zwischen all den Aktivitäten, die ich oben beschrieben habe, machte ich mir unglaublich viele graue Gedanken. Warum hat mich mein Arbeitskollege gestern so komisch angeschaut? Ob der weiß, was mein Chef nachher von mir will? Und was will mein Chef überhaupt von mir? Bestimmt nichts Gutes. Meine Freundin Bettina hat sich auch schon seit Wochen nicht mehr gemeldet. Worum ging es bei unserem letzten Gespräch nochmal? Habe ich irgendetwas gesagt, weswegen sie böse auf mich sein könnte?

Gedanken wie diese jagten tagein, tagaus wie ein Hamster in seinem Rad in meinem Hirn. Wann immer mein Hirn nicht hundertfünfzigprozentig mit einer Sache beschäftigt war, lief auf einer kleinen Nebenfestplatte dieser Film ab. Graue Sätze. Graue Fragen. Graue Behauptungen. Im ganzen Hirn eine einzige graue, schmutzige Masse. Was ich bei diesem grauen Gedankenkarussell im Nachhinein besonders tragisch empfinde: Diese Gedanken standen im krassen Gegensatz zu meinem Leben. Ich habe so vieles, was ich mir immer gewünscht habe: eine langjährige Beziehung, zwei gesunde, wunderbare Kinder, einen tollen Job, einen kleinen und feinen Freundeskreis, meinen Lesekreis, eine Kochgruppe, die zwar nicht zusammen kocht, aber zusammen isst. (...)

Wie wird aus grau rosa oder quietschgrün?

Marc Pletzer schließlich brachte mich auf die Idee, aus meinen grauen Gedanken kunterbunte zu machen. Mein Mann schenkte mir eine CD von ihm, die zu besserem Schlaf verhelfen soll. Während man diese CD hört, wird man in einen tranceartigen Zustand versetzt. Unter anderem spricht Marc Pletzer davon, negative Gedanken klein werden zu lassen, um ihnen weniger Bedeutung zu verleihen. Davon ausgehend entwickelte ich eine Übung, die mir geholfen hat, aus grauen Gedanken wieder kunterbunte Regenbogengedanken zu machen, um damit mehr Lebensfreude zu verspüren. Bei mir funktionierte diese Übung in kürzester Zeit. Und das, obwohl ich im Laufe der Jahre ein Meister in grauen Gedanken geworden war.

Wenn auch Sie oft grau denken, dann probieren Sie diese Übung aus. Nicht nur einmal, sondern regelmäßig. Wann immer sich graue Gedanken einschleichen, die eigentlich zu diesem Zeitpunkt und in dieser Intensität keine Berechtigung haben, dann machen Sie die Übung. Ich wette, Sie werden dieselbe positive Wirkung verspüren wie ich.

Übung: Und tschüß graue Gedanken

Packen Sie alle grauen Gedanken in eine durchsichtige Kugel. Vielleicht kennen Sie diese Kugeln aus der Dekoabteilung des Kaufhauses. Man kann sie in der Mitte auseinander nehmen und sie mit bunten Federn oder dergleichen füllen. In unserem Fall stopfen Sie alle grauen Gedanken hinein. Und egal wie klein diese Kugeln sind, es passt eine Menge Grauzeug hinein. Wenn Sie all das graue Zeug aus Ihrem Kopf in die Kugel gepackt haben, dann verschließen Sie sie gut. Und dann werfen Sie sie mit Schwung und viel Kraft ins All. Sie können sie auch mit einem kräftigen Tritt ins All kicken. Begleiten Sie diese Bewegung mit einem Wort oder einem Geräusch. Sagen Sie laut: "Weg mit euch." Oder: "Zack." Oder irgendetwas, was Ihnen einfällt. Ich mache ein Geräusch, wie bei einem Sturm: "Schschschschuuuuuuuuu." Und dann beobachten Sie die Kugel, wie sie immer kleiner wird. Und all die grauen Gedanken werden immer kleiner. Bis sie nur noch ein winziger Punkt im All sind. Und jetzt wenden Sie sich wieder Ihrem Kopf zu. Da ist jetzt eine Menge Platz, an dem vorher die grauen Massen gewohnt haben. Nun ist dort Platz für Kunterbuntes. Und Sie können diesen Platz einrichten, wie Sie wollen. Sie können eine  „Wand“ rosa anmalen und darauf in großen Buchstaben schreiben: ICH LIEBE MICH! Die nächste Gehirnwindung könnte rot werden mit dem Schriftzug: Ich liebe meine Familie. Einer weiteren Windung könnte Gelb gut stehen und darauf schreiben Sie: Ich habe ein so schönes Leben. Und so weiter bis alle Gehirnwindungen kunterbunt angemalt sind.

In meinem Hirn gibt es mittlerweile Wände in allen Farben des Regenbogens. Eine Wand für meine tollen Freunde, die mich immer unterstützen, wenn ich sie brauche. Eine Wand in Türkis für diese wundervollen Begegnungen mit Menschen, die ich als  LebensWandlerin erleben darf. Eine Wand in Dunkelblau für meinen abwechslungsreichen Job beim Südwestrundfunk. Eine Wand in Orange für meine Nachbarn, meinen Lesekreis.

Die Autorin

Patricia Küll, M.A., arbeitet seit 1996 als Redakteurin und TV-Moderatorin. In ihrer über 25-jährigen Moderatorentätigkeit hat sie Tausende von Menschen kennengelernt und interviewt und ist ihnen dabei zum Teil sehr nahegekommen. So hat sich Patricia Küll eine sehr große Menschenkenntnis angeeignet, die ihr seit 2012 auch in ihrer Tätigkeit als diplomierte systemische Coach und Trainerin für Stress-Management zugutekommt.
Patricia Küll ist Mitglied der German Speaker Association (GSA) und hat einen Lehrauftrag an der Hochschule Koblenz im Fachbereich Sozialwissenschaften.