Konflikte klären ist Chefsache

Die Spezialistinnen für Konfliktklärung Barbara Kramer und Frauke Ion vermitteln in Konflikte klären ist Chefsache, wie Vorgesetzte die Kompetenzen Selbstreflexion, Empathie, Impulssteuerung und Metakommunikation effektiv zur Konfliktklärung einsetzen können. Die dafür benötigten Tools zur Persönlichkeitsdiagnostik werden in ihrem Buch anwendungsorientiert vorgestellt. Im folgenden Auszug erhalten Sie einen Einblick in eines der Werkzeuge.

Das Riemann-Thomann-Kreuz: Psychologie der Konfliktentstehung

Will man erfolgreich Konflikte klären, braucht man eine Vorstellung darüber, wie Menschen psychisch gestrickt sind – welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede es gibt. Nur, wenn man versteht, dass Menschen gleiche Aspekte in sich tragen (nur in unterschiedlicher Ausprägung) ist man in der Lage, das Verhalten, das daraus resultiert – und welches so anders sein kann als das eigene – zu akzeptieren statt abzuwerten. Und gerade in Konflikten zeigen sich die Unterschiede am deutlichsten. Diese gilt es erst einmal zu akzeptieren – das ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Konfliktklärung.

„Man sieht den Menschen nur vor den Kopf und nicht hinein“ lautet eine alte Redewendung. Deshalb waren Menschen schon immer neugierig, herauszufinden, wie unser Innenleben „gestrickt“ ist. Und deshalb wurden schon in der Antike Modelle entwickelt, um sich im Dschungel der menschlichen Psyche besser orientieren zu können und Verhalten erklärbar zu machen. So haben bereits Galenos und Paracelsus versucht, die unübersehbare Fülle menschlicher Individualitäten in der so genannten Temperamentenlehre zu ordnen. In den vergangenen Jahrhunderten wurde die Typenlehre immer wieder aufgegriffen, neu belebt und weiterentwickelt. Vorreiter der neuzeitlichen Modelle war der bekannte Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961), auf dessen Theorie wir später noch genauer eingehen werden.

Um jedoch die Entstehung von Konflikten zu erklären, hat sich besonders das Riemann-Thomann-Kreuz bewährt. Auch wenn die beiden Männer nie zusammengearbeitet haben, sind sie doch zu ähnlichen Einsichten gekommen. Grundsätzlich lassen sich nach Fritz Riemann und Christoph Thomann vier gegensätzliche Strebungen im Menschen finden, die Christoph Thomann als Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel bezeichnet hat. Diese vier Grundausrichtungen kommen in unterschiedlicher Ausprägung vor und haben einen großen Einfluss auf die Lebensgestaltung sowie das Kommunikations- und Beziehungsverhalten eines Menschen. Christoph Thomann hat die vier Strebungen in Form eines Koordinatenkreuzes angeordnet. Sie werden nachfolgend in Reinkultur beschrieben.

Die Nähe-Strebung

Begriffe, die die Nähe-Strebung in uns Menschen kennzeichnen, sind: Nähe, Kontakt, Bindung, Wir, Zuneigung, Vertrauen, Sympathie, Mitmenschlichkeit, Fürsorge Geborgenheit, Zärtlichkeit und Harmonie. Menschen, die eine ausgeprägte Nähe-Strebung haben, sind verständnisvoll, akzeptierend, empathisch, schaffen Geborgenheit, sind altruistisch, gutmütig wohlwollend und voller Hilfsbereitschaft.

Die Grundangst dieser Menschen ist, die anderen zu verlieren und alleine und einsam zu sein. Diese Angst bestimmt in Beziehungen einen Großteil ihres Handelns. Sie sind mehr als andere auf einen Partner angewiesen – sei es durch ihre Liebesbereitschaft und Liebesfähigkeit oder ihr Bedürfnis, geliebt und anerkannt zu werden.

Sie können deshalb das Bedürfnis nach Distanz beim Partner nicht nachfühlen und erleben und deuten es oft als Anzeichen mangelnder Zuneigung oder fehlender Liebe.

Die Distanz-Strebung

Begriffe, die die Distanz-Strebung in uns Menschen kennzeichnen sind: Distanz, Abgrenzung, Alleine sein, Individualität, Unabhängigkeit, Ich, Wahrheit, Unverwechselbarkeit, Rationalisierung, Denken, Intellekt, Fakten, Überheblichkeit, Stolz, Selbstgefälligkeit, Misstrauen, Aggression, Bosheit, Verachtung, „messerscharfe Zunge“, Verweigerung, Hass.

Menschen mit einer ausgeprägten Distanz-Strebung wollen und brauchen genau das Gegenteil von dem, was „Nähe-Menschen" brauchen: Abgrenzung, Unverwechselbarkeit, Freiheit, Individualität, Unabhängigkeit, rationales Denken und Handeln.

Die Grundangst dieser Menschen ist die Angst, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, Angst vor der (Selbst-) Hingabe, die als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt wird. Daraus resultierend: die Angst vor Nähe und emotionaler Beziehung.

Die Dauer-Strebung

Begriffe, die die Dauer-Strebung in uns Menschen beschreiben, sind: Sicherheit, Planung, Überblick, Kontrolle, Struktur, Verantwortung Pflicht, Disziplin, Regeln, Ziel, Perfektionismus, Nachhaltigkeit, Konzept, Respekt, Treue, Konsequenzen, Stabilität.

Menschen mit einer ausgeprägten Dauer-Strebung haben ein sehr großes Bedürfnis nach Sicherheit im Leben, die sie mit Kontrolle, Planung und Struktur zu erlangen suchen. Sie sind eher vorsichtig und wollen nichts dem Zufall überlassen. Sie haben Angst vor der Vergänglichkeit und dem Chaos. Mithilfe des Perfektionismus versuchen sie, das Risiko des Scheiterns zu vermeiden. Dieses ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis lässt sie misstrauisch allen Veränderungen gegenüber sein. „Ordnung ist das halbe Leben“ lautet ihre Lebensdevise. Sie sind deshalb auch pünktlich, zuverlässig und treu. Außerdem haben sie einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Die Wechsel-Strebung

Begriffe, die die Wechsel-Strebung in uns Menschen beschreiben, sind: Abwechslung, Dynamik, Flexibilität, Risiko, Improvisation, Abenteuer, Leidenschaft, Rausch, Charme, Genuss, Phantasie, Kreativität, Lust und Begehren, Zauber des Neuen, Spontaneität, Ideenreichtum, Dramatik, Leben genießen, Gelegenheiten ergreifen.

Für Menschen mit einer ausgeprägten Wechsel-Strebung steht die Abwechslung, das Neue und Ständig-Wechselnde im Vordergrund. Sie lieben alles, was mit Leidenschaft, Reiz, Rausch und Phantasie zu tun hat. Diese Menschen sind neugierig, kreativ, einfallsreich, spontan, bunt und unterhaltsam. Sie tun viel, um Aufmerksamkeit zu bekommen, was für sie ein wichtiges Lebenselixier ist.

Ihr Lebensmotto ist: "Sei im Fluss und lass es fließen." So sind sie schnell für eine Sache zu begeistern und ergötzen sich an der Vorstellung des Neuen. Aber oft erlischt diese Begeisterung wie ein Strohfeuer und die Idee stirbt so rasch, wie sie geboren wurde.

Die Autorinnen

Barbara Kramer ist Diplom-Psychologin und zertifizierte Klärungshelferin. Seit 1998 arbeitet sie als selbstständige Beraterin in Unternehmen mit den Arbeitsschwerpunkten Konfliktklärung, Stärkung von Konfliktkompetenzen und Konfliktprophylaxe. Sie ist Mitbegründerin und geschäftsführende Gesellschafterin des Instituts für Klärungshilfe in Köln (IfK). Seit 2004 bildet sie zusammen mit Dr. Christoph Thomann Berater, Personalentwickler und Führungskräfte in der Methode „Klärungshilfe“ aus. Ihr tiefes Verständnis menschlichen Seins, ihre Leichtigkeit und ihr Humor unterstützen sie in ihrer Arbeit dabei, vertrauensvolle Beziehungen zu Menschen aufzubauen und sie in herausfordernden Situationen zu begleiten.

Frauke Ion, die Expertin für Perspektivenwechsel, ist seit 2005 mit ion international als Beraterin, Trainerin und Speaker unterwegs. Seit 2006 leitet sie als Mitinhaberin das Institut für Persönlichkeit in Köln, dem Experten für diagnostikbasierte Personal- und Persönlichkeitsentwicklung. Sie ist ausgebildeter Business Coach sowie u.a. für die diagnostischen Instrumente Reiss Motivation Profile®, S.C.I.L. Strategie®, DISG®, Insights Discovery®, mbti® und 9 Levels of Value Systems® zertifiziert. Renommierte nationale und internationale Unternehmen schätzen ihre Erfahrung und Expertise in der Persönlichkeitsentwicklung und Organisationsberatung. Sie ist spezialisiert auf die ganzheitliche Begleitung von Führungsteams. In ihrer 20-jährigen, erfolgreichen Management-Karriere im In- und Ausland konnte Frauke Ion selbst erfahren, was es heißt, eine gute Führungskraft zu sein.