Brutal gescheitert!

Wie viel ärmer wäre unsere Welt heute, wenn all die Personen, die im ersten, zweiten, dritten … Anlauf gescheitert sind, einfach aufgegeben hätten?! In diesem Auszug aus Brutal gescheitert! berichtet Autor Felix Maria Arnet von Erfindungen, die eigentlich ganz andere werden sollten, und davon, was wir alle daraus lernen können.

Scheitern gehört zum Leben

Im Grunde lernen wir das schon von klein auf. Wir kommen ins Leben und können so gut wie nichts. Alles, was wir uns aneignen, erarbeiten wir uns durch bewusstes Scheitern. Es mag mal weh tun, zu einer blutigen Nase führen oder einer Standpauke über eine zerrissene Hose, aber es bringt uns stets weiter.

Das funktioniert so: Wir probieren etwas aus. In der Regel klappt es nicht gleich beim ersten Mal. Also versuchen wir es erneut. Klappt wieder nicht. Mist! Egal. Ich will es schaffen! Und auf! Noch einmal! Dieses Mal ein bisschen anders. Ha, geht doch schon besser! Aber noch nicht ganz. Kurze Pause. Ich weiß, ich kann es schaffen. Und los!

So geht es uns mit allem. Krabbeln, Aufstehen, Laufen, Schwimmen, Fahrradfahren, die Reihe ist endlos fortzusetzen, etwa bis ins Teenageralter.

Dabei ist es nach Erkenntnissen der amerikanischen Emmy Werner besonders von Vorteil, wenn wir früh lernen, allein zu sein. Selbstständig etwas zu tun. Uns im Scheitern selbst helfen zu müssen. Distanzierte Familienverhältnisse mögen uns kalt und nicht kindgerecht erscheinen. Für unsere Resilienz hingegen, unsere Ausdauer, Widerstandskraft und Lebenstüchtigkeit hingegen, sind sie eher förderlich. Ich betone, distanzierte Verhältnisse, nicht lieblose! Denn Affirmation ist lebenswichtig für Kinder. Sicherheit ebenso. Fehlertoleranz vor allem.

Einige von uns genießen das Privileg, Fehlertoleranz ihr ganzes Leben lang zu üben. Trial-and-error, Versuch-und-Fehler, ist erprobte und selbstverständlich etablierte Methode in allen Bereichen, wo kreiert wird; Wissenschaft, Forschung, Produktentwicklung. Scheitern ist kein Herumdilettieren, sondern hat Methode und ist absolut an der Tagesordnung, quasi einkalkuliert. Die so genannte heuristische Methode bezieht das Scheitern ausdrücklich mit ein.

Viele große Erfindungen waren tatsächlich zunächst Fehler, Misserfolge. Von Penicillin über die Röntgenstrahlung bis zum Post-it-Zettel – sie alle sind zufällige Entdeckungen, ungewollte Nebenprodukte von Versuchen, die eigentlich etwas anderes zum Ziel hatten, aber daran gescheitert sind, um dann doch etwas zu finden, oft sogar etwas viel Großartigeres. Der Wissenschaftler spricht da von Serendipität.

So ging es zum Beispiel der Minnesota Mining and Manufacturing Corporation, kurz 3M, und dem dort beschäftigten Spencer Silver, einem Entwickler. Auf der Suche nach einem Superkleber hatte er einen erfunden, der leider gar nicht super klebte, sondern ganz im Gegenteil sehr leicht ablösbar war. Das Produkt, das daraus entstand, um aus der Not eine Tugend zu machen, war eine Art Pinnwand. Das Ding wurde ein veritabler Flopp und 3M ließ es rasch wieder fallen. Man hatte damals nicht die größte Tugend des Klebers erkannt. Erst lange Zeit später erinnerte sich ein Kollege Spencer Silvers an den gefloppten Superkleber: Art Fry. Er sang leidenschaftlich im Chor, ärgerte sich aber genauso leidenschaftlich über die ständig aus seinen Notenblättern fallenden Notizzettel.  Er erweckte die Idee Silvers zu ihrem wahren Leben als haftende, aber leicht ablösbare Notizzettel. Die gelben Haftnotizen, die 3M bald darauf unter dem Namen Post-it auf den Markt brachte, waren ein Riesenerfolg, weltweit. In der Folge wurde Art Fry vom Esquire-Magazin zu den „100 Best People in the World“ gezählt und die Post-its selbst von Fortune zu den besten Ideen des 20. Jahrhunderts.

Ähnliches gilt für die Welt des Sports. In keiner anderen Sphäre gilt wie dort: Es kann nur einen geben, einen Sieger, einen Champion, einen Weltmeister. Alle anderen sind gescheitert. Wie wäre Sport auf Wettkampfniveau denkbar, wenn die Verlierer nicht wieder zum Training anträten, um das nächste Mal auf dem Siegerpodest zu stehen?! Mehr noch: Wir feiern die Außenseiter, wenn sie siegen, drücken den Underdogs leidenschaftlich die Daumen und freuen uns an fairen Verlierern ...

Ist es nicht erstaunlich, dass das Scheitern trotzdem in der Gesellschaft stigmatisiert ist? Ist es nicht geradezu dumm?!

Wenn Thomas Alva Edison sich dieses Stigma zu Herzen genommen hätte, hätten wir keine Glühbirne. Und auch sicher keine der Dutzenden anderen Erfindungen unter seinem Namen.

Wenn Henry Ford sich von den entmutigenden Einschätzungen seiner Vorgesetzten bei – ausgerechnet! – der Edison Company über seine Arbeit hätte beeinflussen lassen ...

Und wenn Pablo Picasso von der beißenden Kritik seiner Zeitgenossen beeindruckt gewesen wäre ...

Und Elvis Presley davon, dass er nach seinem ersten Auftritt sofort gefeuert wurde ...

Und Steven Spielberg davon, dass er von der Filmhochschule flog ...

Oder Joanne K. Rowling von den zwölf Ablehnungen ihres Manuskripts „Harry Potter“...

Die am meisten bewunderten Menschen unserer Zeitgeschichte, die Idole unserer Gesellschaft, haben uns ausnahmslos eines voraus: ein gerütteltes Maß an Erfahrung mit dem Scheitern. Und das Wissen, dass und wie man daraus Stärken entwickelt.

Der Autor

Felix Maria Arnet, geboren 1968 in Wiesbaden, gründete mit 25 Jahren sein zweites Unternehmen, eine Werbeagentur, mit der er rasch Erfolg hatte. Seither hat er alle Höhen und Tiefen unternehmerischen Schaffens durchlebt: Nachdem die Agentur 2011 nach 18 Jahren in die Insolvenz ging, stand er beruflich wie privat vor dem Aus. Doch nach einer kurzen Phase der Lethargie gelang Arnet das Comeback, und er begründete nach mehreren fundierten Ausbildungen als systemischer Executive Coach mit der LATTAL Enterprise Gesellschaft für Unternehmensberatung seine neue Profession. 2015 wurde er dafür mit dem Change Award für die mutigste Veränderung ausgezeichnet.
Heute ist er ein sehr gefragter Coach, Trainer und Vortragsredner. Seit mehr als 25 Jahren berät er börsennotierte Unternehmen, Mittelstand und Führungspersönlichkeiten in allen Fragen der Organisationsentwicklung. Mit inzwischen über 10.000 Beratungsstunden, und der Begleitung von mehr als 500 Führungskräften in nahezu allen Wirtschaftszweigen, lebt er seine Berufung.
2014 bezeichnete das Handelsblatt Arnet als den „Wirkungsspezialisten“. Felix Arnet lebt und arbeitet in Wiesbaden und hat einen erwachsenen Sohn.