Die Realität führt, nicht die Führungskraft

Von Bernhard Cevey (Das Ende der Anweisung)

Unter dem Stichwort »Change« verzeichnete ein Internet-Buchhändler im Sommer 2017 rund 60 000 Bücher. Doch obwohl Millionen Seiten darüber geschrieben wurden, gelten Veränderungsprozesse im Unternehmen den meisten Führungskräften immer noch als schwierig und anstrengend. Nur sehr wenige Menschen mögen Veränderungen, die Mehrheit verlässt die Komfortzone des Gewohnten und Bekannten nur ungern. Die Führungskraft wird bei einem Change deshalb oft zum Antreiber, der das Gefühl hat, einen Wagen anschieben zu müssen, dessen Fahrer permanent auf der Bremse steht. (...)

Problem »Komfortzone«: Menschen in Bewegung bringen

Führung hat da ihre vorrangige Berechtigung, wo es unterschiedliche Auffassungen gibt. Wenn sich alle einig sind, was zu tun ist, braucht es keine Führung. Im Konfliktfall geht es bei zeitgemäßer Führung aber nicht darum, per Anweisung die Marschrichtung vorzugeben, sondern darum, die Realität so zu vermitteln, dass die Betroffenen bereit sind, selbst die erforderlichen Schritte zu planen und dann auch zu gehen. Anders gesagt: Es geht darum, beim anderen das »Sollen« in ein »Wollen« zu verwandeln. Ich spreche in diesem Zusammenhang vom »postheroischen Zeitalter« der Führung. Wir brauchen keine Helden mehr, die im Alleingang »das Ruder herumreißen« und »das Unternehmen retten«, sondern kommunikationsstarke Führungskräfte, die im Austausch mit anderen die Erfordernisse der Realität einschätzen, diese glaubwürdig vermitteln und eine Selbstverpflichtung der Mitarbeitenden auf daraus abgeleitete Ziele erreichen können. Das ist mal leichter, mal schwieriger.

So aktivieren Sie das "Wollen"

Je größer die Kluft zwischen der Komfortzone des Gegenübers und der handlungsleitenden Realität, desto herausfordernder wird es, das »Wollen« des anderen zu aktivieren. Wir alle haben unsere Komfortzone des Vertrauten, Bewährten und Gewohnten. Innerhalb dieser Zone sind wir sicher, Probleme lösen zu können, und weitgehend angstfrei. Die Komfortzone ist bequem, in der VUKA-Welt aber zugleich ein ziemlich gefährlicher Ort. Ein Unternehmen, das tut, was es schon immer getan hat, und denkt, wie es schon immer gedacht hat, gerät in ernste Schwierigkeiten, wenn sich die äußeren Bedingungen verändern – siehe etwa Nokia, vor gar nicht langer Zeit Weltmarktführer für Handys, heute nahezu in der Bedeutungslosigkeit versunken. Bei Nokia klammerte sich die Geschäftsführung selbst zu lange an die Scheinsicherheit des Bewährten: Man setzte auch dann noch auf die einfachen und preisgünstigen Mobiltelefone, mit denen man groß geworden war, als die Welt schon im iPhone-Fieber war. (...)

Beim Führen durch Realität setzt die Führungskraft auf wertschätzende Konfrontation und baut dem Gegenüber so eine Brücke zum Verlassen seiner Komfortzone. Wertende Aussagen (sowohl Verharmlosung als auch negative Abwertung soll dabei möglichst vermieden werden). Vielleicht denken Sie kurz darüber nach, wie Sie selbst in Feedback-Situationen formulieren. Sicher sind Ihnen auch schon solche Formulierungen über die Lippen gekommen.

Sie wollen mehr darüber wissen, wie man Menschen in Bewegung bringt und Einfluss ausübt, ohne Druck zu machen? Bernhard Cevey gibt Antworten in Das Ende der Anweisung.

Der Autor

Dr. Bernhard Cevey ist Unternehmensberater, Trainer und CEO der CEVEYGROUP, einer international agierenden Beratung mit Standorten in Europa, Asien und Nordamerika. Der Fokus des promovierten Psychologen liegt auf Lösungen für mehr Leistung, auch in hohen Anforderungssituationen. Seine Themen sind wirksame Kommunikation, Führung und Motivation. Er entwickelt Konzepte, in denen Ergebnisorientierung mit Fairness und Arbeitsfreude verbunden wird – und das mit einem realistischen Blick auf die Komplexität unserer Arbeitswelt.