30 Minuten Mut von Patrick Herrmann

Was ist Mut? Eine Metastudie aus den USA hat eine Definition gefunden: „Mut ist das Handeln in Richtung eines moralisch lohnenden Ziels, trotz Risiko, Angst und Unsicherheit.“ Abgesehen von der moralischen Komponente, bedeutet Mut also, Risiko, Angst und Unsicherheit zu überwinden. Doch wo fängt der Mut an und wo hört die Komfortzone auf? Patrick Herrmann erklärt es im folgenden Ausschnitt aus 30 Minuten Mut.

Raus aus der Komfortzone

Darüber, was passiert, wenn man seine Komfortzone verlässt, ist schon viel geschrieben worden. Die Komfortzone ist die Wohlfühlzone. Hier kennen wir uns aus, fühlen uns sicher und müssen nichts tun, was wir nicht kennen. All das, was wir täglich bzw. regelmäßig machen, wie zum Beispiel die Zubereitung eines Hackbratens am Sonntag, das abendliche Zähneputzen oder auch der Weg zur Arbeit, spielt sich in dieser Zone ab.

Außerhalb dieser Zone lauert das Unbekannte. Hier ist es allerdings möglich, in einen Flow-Zustand zu kommen. So bezeichnet man einen Zustand, in dem man alles um sich herum vergisst, sich nur der Sache hingibt und darin vollkommen aufgeht. Ganz oft beobachten wir Kinder in einem solchen Zustand, wenn sie beispielsweise Lego bauen oder ihre Puppe anziehen, umziehen oder pflegen. Sie bekommen in diesen Momenten nichts von ihrer Umwelt mit. Im Hirn spielt sich vermutlich ein Feuerwerk der Synapsen ab.

Auch Erwachsene können noch in einem Flow-Zustand kommen. Verlassen Menschen ihre Komfortzone, begeben sie sich auf neues Terrain. Sie überwinden meistens Ängste, zum Beispiel die Angst, was andere von ihnen denken, die Angst, Fehler zu machen, sowie die Angst vorm Scheitern. Allerdings geht man beim Verlassen der Komfortzone nicht zwingend auch ein Risiko ein.

Was ist die Mutzone?

Anders in der Mutzone. Gleich hinter der Komfortzone, wenn man von „hinter“ sprechen kann, liegt die Mutzone . In dieser Zone ist es, wie schon beschrieben, wichtig, auch ein reales Risiko einzugehen. Andernfalls handelt man nicht mutig. Hierzu zwei Beispiele:

  • Nehmen wir an, ein Mensch möchte aus seiner Komfortzone heraus. Er geht jeden Tag den gleichen Weg zur Arbeit. Heute geht er einen anderen Weg. Einen ihm unbekannten Weg. Er wird sich sehr wahrscheinlich unsicher fühlen. Es wird ungewohnt sein, aber ein reales Risiko ist nicht vorhanden. Was soll schon passieren?
  • Jemand hält beruflich Workshops, und dies bislang immer nur auf Deutsch. Nun ist er gebeten worden, einen Vortrag auf Englisch zu halten. Er wird dazu sicherlich seine Komfortzone verlassen müssen, aber was ist das Risiko ? Dass er scheitert?

Hier kommt ein kleiner, aber feiner Unterschied ins Spiel: Für viele Menschen ist Scheitern etwas Schlechtes. Ich glaube, scheitern kann man nur an sich selbst. Alles andere sind Lernerfahrungen. Die weitverbreitete Haltung zum Scheitern führt allerdings dazu, dass man überall „gefühlte“ Risiken vorfinden wird, zumindest subjektiv. Die Frage ist jedoch: Sind es wirklich Gefahren? In der Mutzone geht es darum, auch mal ein richtiges Risiko einzugehen. Das ist dann der Fall, wenn man entscheidet, ein echtes Risiko auf sich zu nehmen und dabei die eigene Angst zu überwinden. Im Idealfall, weil man sich entwickeln oder, noch besser, anderen helfen will. Dazu ein Beispiel:

Ein Mensch hat Existenzängste . Er arbeitet seit Jahren bei einem Unternehmen, fühlt sich aber weder wohl noch hat er das Gefühl, Sinnhaftigkeit zu erleben. Er kündigt seinen Job. Das Risiko dabei liegt auf der Hand: Er könnte erst einmal viel verlieren. Geld, Wohnung, Kollegen, Freunde ... Die Angst, dies alles zu verlieren, ist mit Sicherheit auch groß. Er tut es aber dennoch, und zwar aus der festen Überzeugung heraus, hinterher glücklicher zu sein als vorher. In dem Moment der Entscheidung, zum Zeitpunkt der Kündigung, befindet er sich in seiner Mutzone. Das ist alles andere als schön. Jeder, der schon einmal nach langer Zeit einen Job aufgegeben hat, weiß, wovon ich hier schreibe.

Ich bin fest davon überzeugt, dass diese richtungsweisenden Handlungen Handlungskompetenz und Mut fördern. Das muss nicht heißen, dass die Entscheidung, die man trifft, auch wirklich die beste Entscheidung ist. Im eben beschriebenen Beispiel kann es durchaus sein, dass die Kündigung erst einmal in die Hose geht. Doch die Entscheidung zu treffen, trotz Risiko und Angst, ist ein Akt des Muts. Das sollte man sich immer vor Augen führen.

Viel zu oft bringen wir derartigen Mut aber erst dann auf, wenn der Schmerz groß genug ist. Wenn nichts mehr geht, wenn man in der Ecke steht, mit dem Rücken zur Wand, erst dann sind Menschen oftmals mutig. Ein schönes Zitat dazu: „‚Scheiß drauf!‘, war sehr oft mein letzter Gedanke, bevor ich die besten Entscheidungen traf.“ (Quelle unbekannt)

Der Autor

Patrick Herrmann ist Mutstifter, Speaker und Coach der Positiven Psychologie. 20 Jahre Erfahrung und ein Lebensweg der konträrer wohl nicht sein kann. Zwischen Perspektivlosigkeit und Motivation, zwischen Angst und Entschlossenheit, zwischen Euphorie und Frust…
Am Ende zeigt es auf, was Patrick Herrmann als Speaker geprägt hat und immer noch prägt. Ob als Schulversager, Ausbilder bei der Bundeswehr, Tätowierer, Kommunikationstrainer, Sozialarbeiter, Leistungssportler oder Familienvater – vor allem stand der Mut!